Donnerstag, der 23. Mai 2013
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Pfr. Mark Meinhard
über: Amos 5, 21-24

Hiltpoltstein (bei Nürnberg), am 19.02.2012 (Matthäuskirche)
Estomihi/Karnevalssonntag

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen des Wortes.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Ich kann es offen und frei bekennen: Ich bin kein großer Faschingsfeierer. Ich könnte nicht einmal sagen, woran das liegt. Vielleicht an der von mir so empfundenen Massenfröhlichkeit oder am Schunkeln oder an den Späßen? Ich weiß es nicht, nur dass es mich nicht allzu sehr dorthin zieht und ich bin dankbar, dass meine Frau mit den Kindern auf deren Feiern ist. Damit soll freilich niemandem das Feiern madig gemacht werden, denn es besteht ja eigentlich in dieser Verkleidungs- und Narrenzeit auch eine große Chance. Wer sich verkleidet, darf endlich einmal offensiv seine Normal-Maske absetzen, an die er sich im Alltag so gewöhnt hat. Darf anders sein, weil jeder anders ist. Darf über sich selbst und andere lachen, ja: ganz aus der "Rolle fallen"! Wahrscheinlich, liebe Gemeinde, hätten wir dies sogar öfter nötig: Masken absetzen: Uns öffnen, indem wir uns verstecken.

Und Wünsche zeigen, indem wir uns verkleiden. Und etwas Zweites schwingt für mich immer mit: Als Narr darf man die Wahrheit sagen, man muss sogar: Das Gewand des Narren schützt einen erst einmal vor Strafe. Und so wurde der Narr am Königshof immer auch zu einem Berater, dem man zuhören musste, denn wenn alle anderen schon nicht mehr wagten, dem König die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, so tat dies dennoch, wenngleich in Scherze gekleidet, der Narr.

Wie schön also, wenn man so etwas erleben kann bei einer Faschingsfeier: Wahrheit und Kritik, verpackt in Spaß und Ulk. Wo aber die Wahrheit ausbleibt und nur noch Späße unter der Gürtellinie, gepaart mit Alkoholvernebelung übrig bleiben, dort hat sich wohl auch die Feier überlebt und alles ist in Kostümen und Riten, deren Sinn verborgen ist, erstarrt.

Es ist ja doch, liebe Gemeinde, interessant, dass solch eine Erstarrung eben alles treffen kann: die lustig und befreiende Feier des Faschings anscheinend ebenso wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen oder gar im Religiösen, den Dienst an Gott oder wie wir es kennen, den Gottesdienst. Dort ist dann etwas passiert, wie ich es vorhin beschrieben habe: die Worte sind sinnentleert – ihnen entspricht keine Bedeutung mehr: Das "Ich-liebe-dich" unter zwei Partnern klingt dann auf einmal hohl und ein schlechter Geschmack stellt sich beim Sprechen ein. Oder eben die Bitte an diesen lebendigen Gott wirkt erstaunlich unlebendig, ja sogar tot, als wäre nur noch eine Worthülse übrig, so wie bei einem Kokon, dessen Schmetterling schon längst auf und davon ist: Die leere Hülle zurück lassend.

Lesen wir also aus dem Propheten Amos das Kapitel 5, darin die Verse 21 - 24:

(Predigttext)

Hier, liebe Gemeinde, ist also etwas, das lebendig war, gestorben und übrig geblieben sind nur die leeren Hüllen. Hüllen, die nicht mehr wirken und deswegen auch nicht mehr prächtig anzusehen sind.

Wenn wir heute diese Worte hören, dann es geht es nicht "an sich" um den Gottesdienst oder etwa um die Musik darin. Und es geht auch nicht "nur" um unser religiöses Leben, mit seinen Schwerpunkten in der Andacht oder in stillen Gebet oder ähnlichem. Nein, es geht vielmehr um die Wahrhaftigkeit in unserem ganzen Leben, um die Lebendigkeit dieses Lebens: Ob wir noch "darin" sind, oder ob es nur noch eine leere Hülle ist: Formen also, die keinen Sinn mehr machen, Rituale, deren Bedeutung abhandengekommen ist.

Aus Sicht der Heiligen Schrift spitzt sich diese Frage nach dem Leben und der Wahrheit natürlich zu in der Frage der Beziehung zu Gott selbst, der ja mit eben diesen Bildern "Leben" und "Wahrheit" umschrieben wird. Die Schrift meint, dass man an der Art der Verehrung Gottes ablesen kann, ob ein Leben in Wahrheit gelebt wird. Und zwar als ein lebendiges Leben, eines also, welches wiederum Leben stiftet und nicht nur den Tod verkörpert oder bringt. Und dabei, das darf ich an dieser Stelle noch einmal ganz deutlich herausstellen: Dabei geht es nicht nur darum, ob und wenn ja, wie viele neue Lieder wir im Gottesdienst singen müssen. Ob wir nicht die alten Gebete neu umschreiben müssten, damit sie "zeitgemäß" sind. Oder darum, ob wir nun die Lutherübersetzung noch nehmen können für die Konfirmanden oder ob es eine neuere Übersetzung sein soll.

Nein, liebe Gemeinde, auch daran lässt sich Wahrheit und Lebendigkeit nicht ablesen. Da kann doch eine Gemeinde noch so sehr die neusten Lieder singen und die Form des Gottesdienstes so aufgebrochen haben, dass es mehr wie eine große Party unter Freunden wirkt, als dass man hier noch ehrfürchtige Gottesdienstformen der Tradition erkennen mag. Wenn aber dann diese Gemeinde dennoch nur verurteilt, dennoch nur böse Worte über andere findet, dennoch nur Gericht und Tod predigt, statt von liebenden und lebendigen Gott zu erzählen. Wenn die Gemeinde dann doch nur ihre Mitglieder durch Strafe und Drohung zusammen hält, dann ist es eine Gemeinde, von der Amos heute redet! Dann spricht der Herr: "Ich mag eure Versammlungen nicht riechen!"

Als Jesus in dem einen Jahr, das ihm gegeben war, seine Botschaft zu verkündigen, bevor er am Kreuz ermordet wurde – als er in diesem Jahr umher zog und vom Reich Gottes redete, da wurde es offenbar. Reich Gottes ist dort, wo neues Leben geschenkt wird. Und alles, was Jesus tat, wurde zum Beispiel für dieses Reich Gottes: Die Heilungen etwa als Zeichen für dieses neue Leben. Der Trost und die Auferbauung, die Christus den Menschen schenkte. Dort "geschieht Gott", hat einmal ein großer Theologe gesagt. Dort blüht das Reich Gottes schon hier unter uns auf. Als Jesus in Jerusalem ankam für diese letzte Woche seines Lebens, kam er in Konflikt mit dem Tempelapparat. Der Jerusalemer Tempel war ein Machtzentrum. Die reichen Priester zelebrierten nach alter Vorschrift den Opferkult in einer so nie dagewesenen Größe und Herrlichkeit. Alle Vorschriften wurden peinlichst genau eingehalten:

So hatten die oberen und reichen Priester einen eigenen Eingang zum Tempel, um ja nicht mit den unreinen Personen in Berührung zu kommen – das hätte ihre Kultausübung verhindert. Denken Sie, liebe Gemeinde, an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Die zwei, die zunächst am Niedergeschlagenen vorbei gehen, sind ein Priester und ein Levit, beide arbeiten am Tempel. Wäre der Überfallene tot gewesen, was die beiden ja nicht ahnen konnten und sie hätten ihn berührt, so wären sie unrein geworden für ihren Tempeldienst. So aber haben sie den Dienst am Tempel höher gestellt, als diese Hilfe am Nächsten.

Und konsequenterweise waren alle Unreinen: Kranke, Behinderte, bestimmte Berufsgruppen vom Zugang zum Tempel ausgeschlossen – sie hätten gar nicht opfern können und so Vergebung erlangen können. Denn, so glaubten die Menschen, ihre Krankheit wäre die Strafe Gottes für ihre Sünden.

Und was macht Jesus? Er geht zu diesen Menschen hin: Huren, Zöllner, Kranke: All die also, welche vom Tempel und damit von jeglicher Vergebung ausgeschlossen waren und sagt zu ihnen: "Dir sind deine Sünden vergeben!". Er heilt die Menschen, weil er sie wieder in die Gemeinschaft mit Gott eingliedert. So erzählt Jesus von der Nähe Gottes, von seinem Reich.

Und was heißt das, liebe Gemeinde, in der Konsequenz für den Tempelbetrieb? Genau das, was wir heute von Amos gehört haben: "Passt auf, dass ihr den Menschen im Blick behaltet: Er soll von der Liebe Gottes hören! Passt auf, dass ihr nicht in leeren Formen erstarrt, sondern in eurem Tun und Handeln von Gottes lebendiger Wahrheit Zeugnis ablegt!"

Und so kam, was kommen musste: Jesus war gefährlich geworden für diesen Tempelbetrieb, nicht, weil er mit Waffen zur Gewalt aufgerufen hätte: Das wäre leicht zu handhaben gewesen, sondern weil er Gottes Liebe am Apparat vorbei verkündigt und gelebt hat. Der Beschluss, diesen Jesus von Nazareth zu töten, musste gefällt werden.

Und nun, liebe Gemeinde, denken Sie an ihr eigenes Leben! Funktionieren Sie nur noch oder hauptsächlich in leeren Formen, die Ihnen vorgegeben oder die Sie übernommen haben? Sind Sie noch in Wahrheit bei der Sache und sind Sie lebendig geblieben im Sinne dieser Wahrheit Gottes?

Schauen Sie auf unsere Konflikte, die wir immer wieder miteinander haben! Sind wir hier untereinander verpflichtet, uns gegenseitig aufzubauen, zu helfen, zu stützen, die Wahrheit zu suchen und zu reden? Oder, liebe Gemeinde, machen wir es wie der Priester und der Levit und gehen vorbei an dem, was unsere Aufmerksamkeit bräuchte und halten lieber fest, an dem, was wir schon immer als Wahrheit erkannt haben – huldigen also der leeren Form?

Liebe Gemeinde,
das Etikett, welches wir uns selber an die Stirn kleben - und mag noch sehr darauf zu lesen sein: "Dies hier ist ein frommer Christ!" – dieses Etikett ist zu nichts nutze, wenn wir nicht selber Zeugen sind des Reiches Gottes. Wenn wir nicht nachahmen, was Christus uns vorgemacht hat: Die zu stärken, die straucheln. Die zu suchen, die verloren sind. Leben zu bringen, statt den Tod.

Amos fasst es zusammen, und es ist gültig wie nie, auch wenn seine Worte bald 3000 Jahre alt sind: "Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."

Wir sind Gottes Kinder, liebe Gemeinde, weil Gott uns zu seinen Kinder gemacht hat. "Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt" heißt es im ersten Johannesbrief.

Gott kommt uns also zuvor, er geht uns voraus. Er bietet uns an uns schenkt uns unverdient, ohne Gegenleistung das, was ihn in Wahrheit ausmacht: Seine Liebe und darin das Leben. Wir dürfen es ergreifen und annehmen. Wir dürfen gläubig sprechen: "Mein Name ist bei Gott bekannt und ich bin eingetragen in sein Buch des Lebens." Und diese Freude im Herzen, liebe Gemeinde, diese Liebe und Gewissheit, dass unsere Leben nicht sinnlos ist, sondern frei ist in Christus von allen Formen und Zwängen, die es in der Welt geben macht. Diese Erkenntnis, dass uns nichts trennen kann von dieser Liebe Gottes, keine Mächte und Gewalten. Dies will und darf und kann aus uns heraus dringen und uns antreiben, selber von dieser Liebe zu reden, sie zu zeigen, Zeuge zu werden für dieses Licht in Christus, das denen scheinen mag, die im Dunkeln wohnen.

Dazu braucht es keine starren Formen, keine Gesetze, keinen Ablasshandeln und was sich Menschen der Welt immer noch so ausdenken mögen. Hier ist direkt und unmittelbar zu spüren und zu leben, was wahres Leben bei Gott sein kann.

Verwechseln wir das nicht: all unsere Formen hier im Gottesdienst können Sinn machen und wir gliedern uns in Respekt vor den Älteren und Glaubensgeschwistern, die uns voran gegangen sind, in sie ein – aber keine davon ist heilsnotwendig. Sie helfen uns beim Einstimmen, bei der Konzentration, auch bei der seltenen Übung, sich etwas sagen zu lassen, was man sich nicht selbst sagen könnte. Aber würde nun diese Kirche abbrennen und müssten wir uns in einem schäbigen Raum versammeln, und wären alle unsere Liederbücher weg und wir müssten neu beginnen, Lieder und Verse zu dichten, und wäre all unsere Kunst, unser Bilder, selbst unser Altar nicht mehr hier: Wir wären doch als lebendige Christen in der Lage, diesem Gott zu antworten auf sein Liebeswerk an uns.

Und dies, liebe Gemeinde, hoffentlich nicht nur in jener Stunde am Sonntag, sondern im unserem ganzen Leben, in Beruf und Familie, Freizeit und Arbeit: Ein Sein in lebendiger Wahrheit! Damit wir Zeugen sind nicht der leeren Formen und todbringender Mächte, sondern Salz der Erde und Licht der Welt im Namen dieses lebendigen Gottes, der das Leben schuf und es erhält. So, wie es der Prophet Amos in Namen dieses Gottes fordert:

"Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."

Und der Friede Gottes, der eine Kraft des Lebens hat, die wir nicht fähig sind, uns vorzustellen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

© Mark Meinhard 2012
http://www.hiltpoltstein-evangelisch.de/

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