Sonntag, der 26. Oktober 2014
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P. i. R. Dr. Albrecht Weber (evangelisch)
über: Lukas 2, 41-52

Delmenhorst, am 24.04.2005 (Stadtkirche)
Konfirmation/Kommunion

Bibeltexte:
Lukas 2, 41 52 "Der zwölfjährige Jesus im Tempel"
Johannes 6, 66 69

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden! Liebe Eltern und Paten! Gemeinde Jesu!

Der große Festtag ist gekommen. So war das auch bei Jesus, als er ein wenig jünger war als Ihr, die Ihr 13 und 14 Jahre alt seid. Jesus war 12 Jahre alt. Mit 12 Jahren war Daniel Prophet und Salomo König. Als Jesus dieses damals reife Alter hatte, konnten seine Eltern ihn vermutlich erstmals bei ihrer jährlichen Pilgertour zum Passahfest nach Jerusalem mitnehmen.

Nun zogen Maria und Joseph mit dem Vorkonfirmanden Jesus aus dem drei Tagesreisen entfernten Nazareth im Norden des Landes in die Hauptstadt Jerusalem nach Süden, begleitet von einer großen Gruppe an Nachbarn und Freunden aus dem Dorf. Es wäre schön, wenn auch heute Eltern keine Mühe scheuen würden, um mit ihren Kindern nicht nur Märkte, Musikevents und sportliche Ereignisse zu besuchen, sondern Orte, an denen man etwas von Gottes Nähe spüren kann. Der Kirchentag Ende Mai in Hannover könnte beispielsweise solch eine besondere Gelegenheit sein, die monatlichen Thomasmessen im Bremer Dom, aber auch die Gottesdienste in unserer eigenen Gemeinde. Also, Maria und Joseph waren sehr darauf bedacht, nichts in Jerusalem zu versäumen, denn sie verbrachten dort nicht nur ein, zwei Tage, sondern die ganze Festwoche.

Die große Schar der Gläubigen, die herrlichen Gottesdienste mit den eindrucksvoll gesungenen Psalmen, auch die Schönheit des erhabenen Tempelbaus prägten sich tief in die Seele von Maria, Joseph und von Jesus ein.

Als die Festwoche zu Ende war, machten sich Maria und Joseph wieder auf den mühsamen und beschwerlichen Heimweg nach Nazareth. Jesus war nicht in Sichtweite. Da man also damals mit 12 Jahren schon ziemlich selbständig war, trauten die Eltern ihrem Sohn Jesus zu, in Gemeinschaft mit Dorfbewohnern den Weg nach Nazareth wenigsten für Stunden eigenständig zu gehen. Aber am Abend des ersten Rückreisetages konnten sie Jesus beim besten Willen nicht finden, auch nicht bei mitgereisten Verwandten und Bekannten. Darum mussten sie die mühevolle Reise zurück nach Jerusalem antreten, wo sie ihren Knaben schließlich im Tempel sitzend fanden. Dort diskutierte er mit Schriftgelehrten über Glaubensfragen, wahrscheinlich anhand von Bibelstellen. Man kann die enttäuschte Mutter verstehen, die ihrem Sohn den Vorwurf nicht ersparen kann, er habe ihr und seinem Vater großen Schmerz zugefügt.

Denn dieser Schmerz bestand nicht in erster Linie in der Mühe, noch einmal den langen Weg nach Jerusalem zurück zu gehen, sondern in der Sorge, ihr Sohn könne sich verlaufen haben oder er könne auf dem Weg verunglückt oder überfallen worden sein - und vielleicht würden sie ihn nie wieder sehen.

Die Antwort Jesu, die der Chor gesungen hat, überrascht: "Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?" Das heißt: "Wisst ihr nicht, dass ich noch einen anderen Inhalt in meinem Leben habe, als essen, lernen, schlafen, essen, arbeiten, schlafen, dass ich noch ein anderes Ziel habe, als Vergnügen, Spaß und Abwechslung, nämlich dem nahe zu sein und immer näher zu kommen, der mein Vater ist: dem einzig wahren und lebendigen Gott?"

Wir werden später im Leben Jesu sehen, dass er seinen Vater nicht nur in Synagogen und im Tempel, also in Gotteshäusern, fand, sondern auch in Gottes Fürsorge für Vögel und Blumen, dass er Gott in Armen wie dem Lazarus entdeckte, der vor der Tür des Reichen unversorgt Hunger litt, dass er ihn sah in Kranken, Gefangenen und todgeweihten Lepra-Patienten - und mitteilte, wer all diesen Not leidenden Menschen helfe, der habe ihm geholfen. Aber Jesus hatte einen großen Eifer, das Wort Gottes forschend zu lesen und Gott darin zu finden, sonst hätte er nicht mit solcher für einen Zwölfjährigen beachtlichen Kenntnis mit den Schriftgelehrten diskutieren, Fragen stellen und antworten können. Hierin kann Jesus für uns alle Vorbild sein! Wie er können wir es uns zur Gewohnheit machen, in der Bibel zu lesen, beispielsweise Vorkonfirmanden, Konfirmanden, Konfirmierte und Erwachsene. Ich rate jedem von Euch und Ihnen, in absehbarer Zeit einmal ein Evangelium vollständig zu lesen, sei es nun Markus, Matthäus, Lukas oder Johannes.

Ich gebe Euch, liebe Konfirmanden, ungern als Gruppe ab. Denn Ihr seid mir ans Herz gewachsen. Eine Konfirmandin von Euch kenne ich schon vom regelmäßigen Besuch des Kindergottesdienstes vor vielen Jahren, alle anderen unter Euch habe ich schätzen gelernt als ernsthafte Persönlichkeiten, die sich um das Verständnis der Dinge Gottes bemühen. Beeindruckt hat mich die schauspielerische Leistung einiger von Euch, als Ihr ein Weihnachtsspiel hier in der Kirche vorgeführt habt.

Große Freude hat mir die Diskutierlust gemacht, mit der ein paar Jungen unter Euch mir bohrende, aber wertvolle Fragen stellten und damit den Unterricht abwechslungsreich machten. Denn es ist viel spannender, Fragen aus der Gruppe zu beantworten als einen Lehrvortrag zu halten oder anzuhören. Ähnlich muss der 12jährige Jesus die Schriftgelehrten gelöchert und dann aber auch wieder intensiv zugehört und gelernt haben. So kann der eindrucksvolle und berühmte Liedermacher Wolf Biermann, dessen kritische Lieder seine DDR-Regierung einst in Unruhe versetzten, die ihn deswegen ausbürgerte, im Blick auf unsere Geschichte einmal schreiben:

"Wahr ist wohl auch
Jene Meldung, daß der Knabe ungenügend
Beaufsichtigt, Respekt vermissen ließ
Vor alten Herrn und durch vorwitzige
Reden (altkluge, öffentliche) frühzeitig
Von sich reden machte."

(Aus: Rotgefärbter Tatsachebericht vom wahren Leben und Sterben des Jesus Christus, Preußischer Ikarus, S. 95, zit. in Herbert Vincon, Spuren des Wortes, Band 1, Stuttgart Hamburg 1988, 403)

Jesus hat vor und nach der Pilgerwanderung zum Tempel auf Vater und Mutter gehört. Die Eltern müssen jetzt aber einmal weghören, wenn ich sage, dass ich mich immer gefreut habe zu erfahren, dass Jesus wenigstens einmal etwas Aufsehen erregendes getan hat, das nicht im Einklang mit seinen Eltern stand.

Denn so sehr jedes Kind und jeder Jugendliche seinen Eltern alles Entscheidende verdankt, irgendwann muss doch einmal der Zeitpunkt kommen, an dem man sich abnabelt und ein eigenes Profil gewinnt. Schließlich wäre es zu wenig, eine simple Kopie von Mutter und Vater zu werden. Jeder Mensch, auch jeder von Euch Konfirmanden, ist ein eigener Gedanke und Entwurf Gottes, also ein Original - Originale dürfen aber keine bloßen Kopien sein. Jesus hat aber seinen eigenen Weg nicht als Gegnerschaft gegen seine Eltern verstanden, sondern als einen Ausdruck der Liebe zu seinem himmlischen Vater. Wahrscheinlich habt Ihr Konfirmanden im Augenblick mehr von den Geschichten Gottes präsent als eure Eltern. Warum solltet Ihr deshalb für Eure Eltern nicht Hinweise auf die Wichtigkeit Gottes sein, wie Jesus es mit seinem eigenwilligen oder selbstvergessenen Zurückbleiben im Tempel für seine Eltern war?

So sehr Gott Maria und Joseph zu Großem erwählt hatte, es blieb ihnen nicht erspart, dass sie für drei Tage ihren geliebten Jesus verloren hatten. Geht es nicht den meisten von uns so, ob Jungen oder Alten? Die Forderungen in Schule, Beruf und Haus, die ersehnte Freizeit am Wochenende, der Ärger und die Sorgen des Alltags, aber auch Sportveranstaltungen, Partys und sonstige Abwechslungen, die wir uns gönnen, füllen uns so aus, dass viele von uns für eine Zeit ihres Lebens Jesus verlieren. Schlimm ist das nicht. Schlimm und geradezu tragisch wird es nur, wenn wir den Verlust gar nicht bemerken und nicht wie Maria und Joseph umkehren, um den verlorenen Jesus für unser Leben neu und intensiv zu suchen.

"Wollt ihr auch weggehen", fragte Jesus einmal seine Jünger, nachdem viele, die ihn vorher aufgrund von Wundertaten hoch geschätzt hatten, ihn verließen, als er sie in eine verbindliche Gemeinschaft mit sich führen wollte.

Wollt Ihr auch weggehen? fragt Jesus auch Euch heute, Euch Konfirmanden.

Es waren einmal mehrere Pastoren, so beginnt eine Geschichte, die ich frei wiedergebe. Diese Pastoren hatten alle ein einziges Problem, sie hatten in ihren jeweiligen Kirchen Fledermäuse, die sich durch nichts vertreiben ließen. Der eine Pastor sagte: Ich habe den Organisten gebeten, die Orgel mit Donnergetöse zu spielen, um die Fledermäuse zu vertreiben. Das tat der Organist, aber die Fledermäuse blieben. Der andere Pastor sagte, wir haben in der Kirche so laut wir konnten gesungen, aber die Fledermäuse blieben. Der dritte sagte: Ich habe mir ein Luftgewehr gekauft und auf die Fledermäuse geschossen. Sie flatterten zwar erregt umher, aber sie blieben. Aber der vierte Pastor sagte: Ich habe die Fledermäuse konfirmiert, da sind sie alle weggeflogen.

Ihr merkt, in dieser gut erfundenen Geschichte steckt eine traurige Erfahrung, die der Erfahrung Jesu entspricht, als er den Menschen zumuten wollte, ihm nicht nur für einige festliche Stunden und Tage zu folgen, sondern Tag für Tag - ja für die ganze Ewigkeit. Da verließen Jesus viele Sympathisanten- und Jesus fragte seine engsten Jünger, die auch seine Freunde und Schüler waren: "Wollt ihr auch weggehen?" Petrus antwortete für sie alle:

"Herr, wohin sollen wir gehen? DU hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt: DU bist der Heilige Gottes." Solch ein Bleiben bei Jesus ist es, was ich mir von Euch erhoffe.

In wenigen Tagen, am 8. Mai, denkt die ganze Welt an den 60. Jahrestag der Kapitulation Deutschlands am Ende des 2. Weltkrieges. Nicht nur Deutschland und viele, viele Länder lagen darnieder, sondern eine Herrschaft des Schreckens und des Terrors war zu Ende gegangen. Aber nicht minder schrecklich als die zerstörten Städte, Leiber und Seelen von Abermillionen von Menschen war die Tatsache, dass Millionen von Deutschen und manche Menschen auch in anderen Ländern der Massensuggestion dieser Mörderbande in staatstragenden Ämtern so lange blind vertraut hatte, viele bis zum bitteren Ende. Die Mehrheit unseres Volkes hatte Unrecht, eine Minderheit hatte Recht behalten. Das mag uns Anlass genug sein, nicht immer auf Seiten der Mehrheitsmeinung stehen zu müssen.

Wollen wir zu einer Mehrheit gehören, die am himmlischen Gerichtstag einst hören wird: Du hast dein Leben auf Sand, auf das Wertlose und Vergängliche gebaut!? Oder wollen wir zu der Minderheit gehören, welcher der Weltenrichter einst sagen wird: Komm herein in den Saal der Freude für alle, die mir treu gedient haben, allen abschätzigen Blicken, Worten und Taten zum Trotz!?

Vier Konfirmandinnen aus der Gruppe sind bereit, auch nach der Konfirmation in den sonntäglichen Gottesdiensten Lesungen vorzutragen. Es wären ganz sicher noch weitere unter Euch bereit, aber diese vier lesen so gut wie die begabtesten Erwachsenen. Das ist ein Zeichen, dass für Euch die Geschichte von den Fledermäusen nicht zutrifft. Für Euch geht die Geschichte Gottes mit Euch weiter! Das aber sollt Ihr wissen: Wo immer Euch Euer Weg in der Welt hinführt, in der christlichen Gemeinde findet Ihr fast überall auf der Welt gute Freunde, Wegweisung und eine bleibende Heimat - für Zeit und Ewigkeit.

Amen

© Albrecht Weber 2005

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