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Pfr. Mark Meinhard
über:
Jesaja 62, 6-7+10-12Hiltpoltstein (bei Nürnberg), am 31.10.2007 (Matthäuskirche) Gedenktag der Reformation |
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Wir beten in der Stille um den Segen des Wortes.
Amen.
Liebe Gemeinde,
hören wir das Predigtwort für den heutigen Tag aus dem Buch des Propheten Jesaja im 62. Kapitel, die Verse sechs und sieben, sowie zehn bis zwölf:
(Predigttext)
Man wird Jerusalem einst wieder nennen "Gesuchte – nicht mehr verlassene Stadt". Und das Volk, welches sich dort versammelt wird man in diesen Gnadentagen nennen: "Erlöste des Herrn – Heiliges Volk". Der Prophet Jesaja spricht Trost zu. Die Zerstörung Jerusalems liegt nicht lange zurück. Zwar ist das Volk wieder heimgekehrt aus der Verschleppung, aber was findet es vor? Eine unbedeutende Stadt: kein Glanz, kein Ruhm. Das soll es schon gewesen sein? Nein, sagt Jesaja: Gott wird sich sein Volk neu erschaffen und alle werden es sehen: "Heiliges Volk" – "Erlöste des Herrn".
Die Überlieferung besagt, dass Martin Luther vor exakt 490 Jahren seine 95 Thesen zu Ablass und Bußen an der Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen hat, um eine Disputation unter Gelehrten anzuregen. Sie wissen alle, liebe Gemeinde, was sich daraus entwickelt hat: die Abspaltung von der römischen Kirche, die Bildung eigener, sich auf das Evangelium berufender Kirchen, u.a. auch unsere evangelisch-lutherische Kirche. In der Folge hat dann auch die römische Kirche einige der gröbsten Missstände beseitigt und sich ein wenig reformiert.
Natürlich hat die Situation der damaligen Rückkehrer aus dem Exil kaum etwas mit der Situation der Reformationszeit zu tun und dennoch haben wir heute ein Wort dieses Propheten zu predigen. In der Verbindung des heutigen Tages hat mich daher als erstes diese zuletzt genannten Beschreibungen des Volkes angesprochen. Das Volk Gottes wird nicht mehr einfach irgendein Volk sein, unterworfen unter die geschichtlichen Wechselwirkungen von militärischen und wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg. Dieses Volk wird nicht mehr gemessen werden an Größe und Ausbreitung, an Reichtum oder außenpolitischer Wirkung – alles Dinge, die damals und oft genug noch heute die Sicht auf eine Nation ausmachen. Es wird nicht mehr daran gemessen werden, so sagt es Gott selbst durch den Propheten, weil diese Kategorien nicht relevant sind.
Sehen Sie auf den Judenhass und die Judenverfolgungen durch all diese Jahrhunderte und dennoch bleibt es das erste Bundesvolk Gottes. Daran kann kein menschlicher Hass etwas ändern. Diese Kategorien, die vor Menschen entscheidend scheinen, sind also vor Gott nicht entscheidend. Entscheidend vor Gott ist etwas anderes. Der Prophet sagt: "Ihr seid Heilige" – "Ihr seid erlöst".
Bei allem Unterschied waren das doch die Fragen, die diesen unsagbar ehrlichen Mann Luther umtrieben. Gut, er ist in einer religiösen Zeit aufgewachsen und er war nicht der einzige, der angesichts von Gefährdung und Todesgefahr einen Gelübde getan hat. "Werde ich bewahrt vor diesem Unwetter, so will ich Mönch werden", hat er einst versprochen. Er hat es nicht nur versprochen, sondern auch eingelöst. Er wurde Mönch in dem damals strengsten Orden seiner Zeit. Wenn schon – denn schon! Er war ehrlich vor sich selber. Und dann suchte er diesen Gott. Er trieb sich an und leistete, was er leisten konnte – nach menschlichen Kategorien: Fasten, Beten, die Regeln der Kirche und des Ordens befolgend. Und dennoch musste er eingestehen: "ich bin es nicht: weder erlöst, noch geheiligt". Es war nicht zu machen, es war nicht zu schaffen.
Er hat es ehrlich gesehen, für sich, für seine Person. Der Ablass bringt nicht weiter. Und er hat es gesehen für die Menschen, um ihn herum: sie fangen an, ihr Herz an die falschen Dinge zu hängen. Nicht das Kaufen eines Ablassbriefes ist wichtig. Nicht der Besitz von Reliquien, nicht die Unterordnung unter die Kirche. All das verbaut eher die Sicht auf Gott, als dass es zu ihm führt. Über dieses Herzensanliegen wollte er reden, diskutieren, wie es damals unter Gelehrten üblich war.
Er hatte vorher eine Entdeckung gemacht. Im Studium des Römerbriefes hat er es gefunden: Gottes Kategorien sind andere als menschliche Maßstäbe. Nicht durch meine Leistung, meine Taten, meine Geldspenden komme ich zu Gott. Nein, Gott selbst kommt zu mir, aus freien Stücken, als ein Geschenk. Gott schenkt mir seine Gerechtigkeit. Ich allein könnte vor ihm nicht bestehen, seine Gebote nicht halten, sein Werk nicht vollenden. Gott schenkt es mir – er schenkt mir den Glauben. Er schenkt mir seinen Geist. Und damit nicht genug: jeder Mensch, der von diesem Geschenk ergriffen wird, wird somit zu einem Kind Gottes. Ja, zu einem Erlösten, zu einem Heiligen.
Es ist so, wie es die Israeliten damals unter Jesaja hören sollten: Gott selbst hat dafür gesorgt, dass sein Heil kommt. Es ist, liebe Gemeinde, unglaublich entlastend, zu wissen, dass Gott selbst sein Heil vorantreibt. Es ist unglaublich befreiend zu wissen, dass Gott selbst uns zum Glauben führt und uns sein Geschenk überlässt. Denn es rückt die Dinge, mit denen wir uns abplagen müssen wieder in ein richtiges Licht. Unsere Kategorien, nach denen Leistung und Besitz, Wohlstand und Größe, Aussehen und Status und viele andere Dinge mehr die entscheidende Rolle spielen – diese Kategorien sind außer Kraft gesetzt. Auch – manchmal sogar vor allem – in Glaubensdingen. Keine Leistung bringt mich Gott näher. Kein Ablass, keine Hierarchie in der Kirche: nichts dergleichen.
In einem seiner Schriften bringt es damals Luther so ins Bild: jeder der getauft wird, darf sich gleich als Priester und Papst bezeichnen. Warum? Er hat alles erreicht, was man vor Gott erreichen kann. Keinen besonderen Status hat der Priester, seine Weihe erhebt ihn nicht über die anderen Kinder Gottes. Und doch war es damals so angelegt: Hierarchie in der Kirche, strenge Abstufungen von oben nach unten. Christen erster, zweiter, dritter Kategorie. "Nein", sagt Luther im rechten Verständnis der Schrift: "So nicht!". Gott selbst kommt euch entgegen und schenkt euch alles, was vor ihm wichtig ist.
Bei uns geblieben, liebe Gemeinde, sind daher – im Gegensatz zur römischen Kirche – nur die zwei Sakramente: Taufe und Abendmahl. Weil in beiden deutlich wird, wie Gott schenkt: ohne Bedingung, ohne erwartete Gegenleistung. Dem Säugling der nicht sprechen kann, der Gemeinde, die doch oft genug unvollkommen in ihrer äußeren Gemeinschaft vor den Tisch tritt. Alles geschenkt. Ihr werdet zu Heiligen und zu Erlösten. Kinder dieses neuen Gottesvolkes. Gott selbst trägt dafür Sorge.
Luther ist sich darin ebenfalls ehrlich geblieben. Er hat es für sich so erlebt: die Freiheit, die ihm nach dieser Erkenntnis gewachsen ist. Die Liebe zu den Menschen, die dadurch frei gesetzt wurde.
Ich will das immer wieder versuchen stark zu machen, wenn wir über diese Grunderkenntnis unserer reformatorischen Kirche reden. Denn natürlich besteht die Gefahr des Missverständnisses. Dass die Menschen sagen: "Wenn mir Gott eh alles schenkt, ist doch auch egal, was ich tue." Freilich endet da das Bild des Schenkens. Wir wissen es: unter Menschen gibt es auch Geschenke, die einem wiederum eine Last auflegen. Ich muss zurück schenken. Es soll mir damit etwas klargemacht werden, in welcher Abhängigkeit ich von jemandem stehe oder anderes. Das alles ist hier nicht gemeint. Versuchen Sie sich, nur auf diese Seite zu konzentrieren: Gott trägt Sorge dafür, dass wir freien Zugang zu ihm haben.
Wer dieses Geschenk des Glaubens, des Vertrauens an Gott, in den Händen hält und für sich tatsächlich merkt und spürt, dass es ihn freimacht, der wird ganz von selbst darauf kommen, dass es dennoch Regeln braucht für das Zusammenleben unter den Menschen. Der wird von alleine spüren, dass in ihm eine Liebe brennt, die er weiter geben möchte. Das war Luther sehr wichtig. "Ihr seid nicht zu Ende damit, dass ihr irgendwelche Regeln euch selber setzt. Sonder das Wichtige bleibt die Erfüllung der Liebe aus der Erfahrung der Liebe heraus."
Mehr will ich dazu heute nicht sagen, denn es würde Gefahr laufen, den Schwerpunkt des heutigen Gedenktages zu verlagern. Wenn wir uns heute erinnern, welches Geschehen damals vor 490 Jahren seinen Anlauf nahm, dann darf uns vor allem dieses vor Augen bleiben:
Gott selbst trägt die Sorge um uns. Er kommt zu uns, er läuft uns nach, er bestellt Wächter, die auf uns achtgeben. Gott selbst schenkt uns den Glauben. Gott selbst schenkt uns den Geist. Gott selbst macht uns zu Heiligen und zu Erlösten. Wir sind eingeladen an seinen Tisch.
"Saget der Tochter Zion, siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm. Man wird sie nennen: 'Heiliges Volk', 'Erlöste des Herrn'!"
Und der Friede Gottes, der uns umfängt mit seiner Kraft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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